
Grau. Kontrastlos. Ohne jeden Charakter. So kam meine erste RAW-Datei vom Schlossberg oberhalb der Seilbahnstation aus der Sony Alpha 6400 auf den Bildschirm, bevor irgendein Regler in Lightroom sie überhaupt berührt hatte. Bildbearbeitung für Landschaftsfotografie klingt nach Kür, ist aber der einzige Schritt zwischen brauchbaren Rohdaten und einem Foto, das jemand tatsächlich anschauen will. Für diesen Onlinekurs-Test habe ich zwei grundverschiedene Wege dorthin nebeneinandergelegt: einen strukturierten Komplettkurs und ein fertiges Preset-Paket – und nur einer der beiden bringt einen Hobbyfotografen wirklich weiter, wenn er noch nicht weiß, welcher Regler was tut.
Der Transparenz-Hinweis vorab, weil er bei mir als Controller nicht verhandelbar ist: Dieser Artikel enthält Affiliate-Links. Kaufst du über einen dieser Links einen Kurs, bekomme ich eine Provision, ohne dass für dich ein Aufpreis entsteht. Bewertet habe ich ausschließlich Kurse und Pakete, die ich mit eigenem Geld bezahlt und über mehrere Wochen nach Feierabend durchgearbeitet habe.
Kurs oder Presets: zwei Wege zum selben Landschaftsbild
Zuerst habe ich es mit einer Sammlung wahllos gefundener Video-Anleitungen versucht – ohne Reihenfolge, ohne Bezug zueinander. Am Ende wusste ich zwar, wie man den Himmel maskiert, aber nicht, warum der Weißabgleich danach das ganze Farbschema kippen konnte. Genau an diesem Punkt wurde klar: Wer Lightroom effizient lernen will, braucht ein System und keine Schnipseljagd durchs Netz. Seitdem tracke ich jeden Kurs in einer Tabelle – Lektionen pro Woche, Kosten pro Stunde, gefühlter Fortschritt.
Zwei Ansätze stehen sich gegenüber, wenn es um Landschaftsbilder geht: der strukturierte Weg über einen Komplettkurs und der schnelle Weg über ein fertiges Preset-Paket. Wer gerade erst von der Smartphone-Kamera auf eine Systemkamera umgestiegen ist, sollte ohnehin zuerst verstehen, was ein Regler mit einem Bild macht, bevor er Geld in einen Look steckt, den er später nicht steuern kann.

Die Struktur des Lightroom-Komplettkurses
Der Benchmark meines Vergleichs ist der Adobe Lightroom Classic Komplettkurs, den ich für 149 Euro im Angebot gekauft habe. Bei über 40 Lektionen sind das rund 3,70 Euro pro Lektion – eine Zahl, die ich mir als Controller natürlich notiert habe. Die Videos sind zwischen zwei und sieben Minuten lang, was für mich als berufstätigen Vater den entscheidenden Unterschied macht: kein 90-Minuten-Block, sondern genau die Lücke zwischen Abendessen und Zubettgehen. Besonders wertvoll waren die mitgelieferten Beispielfotos – man arbeitet mit demselben RAW-Material wie der Kursleiter und sieht sofort, an welchem Regler die eigene Tonwertkorrektur zu aggressiv war.
Als ich neulich ein Bild meiner Tochter vom Fasnetumzug bearbeitet hatte, wirkte es plötzlich so, als könnte es tatsächlich jemand kaufen wollen – kein Familienschnappschuss mehr, sondern ein Foto mit eigener Aussage. Diesen Sprung schafft aus meiner Erfahrung kein Preset-Paket allein, weil ihm die Erklärung fehlt, warum ein Regler ein Bild überhaupt verändert. Ein Nachteil bleibt trotzdem bestehen: Es gibt keine Telegram- oder Facebook-Gruppe zum Kurs, und wer bei einem der hinteren Module hängen bleibt, wartet auf die Antwort des Kursleiters über die Chatfunktion schon mal ein bis drei Tage.
Der Mehrwert von Spezialisierung
Eine Anfrage kam Anfang des Jahres über Umwege: Mein Schwiegervater wollte sein Haus verkaufen und fragte, ob ich mit meiner Kamera ein paar Bilder machen könnte. Landschafts-Wissen hilft bei dunklen Fluren und stürzenden Linien nur bedingt, also habe ich in den allumfassenden Immobilienfotografie Online-Kurs investiert. Acht Module hat der Kurs, konzentriert habe ich mich auf die ersten vier – Vorbereitung, Shooting und Bearbeitung reichten für den Termin vor Ort. Die Shot-List als PDF auf dem iPad war dabei der eigentliche Rettungsanker, nicht das Kamera-Wissen aus meinen Landschaftskursen.
Ähnlich pragmatisch war die Anfrage eines Nachbarn aus meiner Gartenanlage in St. Georgen, der dort seine Tomaten zieht: Er wollte ein ordentliches Foto seiner Ernte für den Vereins-Flyer, kein Kunstwerk. Solche Aufträge zeigen, dass Nischen-Wissen oft mehr bringt als die zehnte Wiederholung derselben Grundlagen zu Blende, ISO und Belichtungszeit oder zur Logik einzelner Regler in der Bearbeitung. Es gibt außerdem Vorteile gegenueber englischen Tutorials, gerade wenn ein Workflow sofort und ohne Übersetzungsschleife sitzen muss. Wer stattdessen komplett auf Photoshop statt Lightroom setzen will, findet mittlerweile auch reine Landschafts-Kurse auf Photoshop-Basis – ich bin bei Lightroom geblieben, weil ich nicht zwei Programme parallel pflegen wollte.

Presets für Landschaftsfotografie beschleunigen, aber sie erklären nichts
Um die Durchlaufzeit meiner Schwarzwald-Serien zu beschleunigen, habe ich zusätzlich das Paket mit 100 Lightroom-Presets fuer Reise- und Landschaftsfotografen für 70 Euro gekauft. Von den hundert Looks nutze ich am Ende etwa zwölf regelmäßig, vor allem aus den Kategorien Moody und Cinematic, weil sie zu den Nebelstimmungen hier im Südschwarzwald passen.
Gleich beim ersten Versuch lief das allerdings schief: Ich habe Presets einfach per Doppelklick über meine Fotos gelegt, ohne zu verstehen, welcher Regler sich dahinter überhaupt bewegt. Bei einem Familienportrait sah das Ergebnis danach aus wie durch einen Farbfilter gequetscht, und ich musste den Regler-Stand mühsam von Hand wieder zurückrechnen.
Ein Preset ersetzt kein Verständnis, es beschleunigt nur einen Prozess, den man schon kennt. Das .dng-Format für Lightroom Mobile ist trotzdem ein echter Pluspunkt: Erste Ergebnisse kann ich schon auf der Rückfahrt im Zug am Handy sichten, ohne am MacBook nachbearbeiten zu müssen. Wer noch mit einer älteren Lightroom-Version arbeitet, sollte vorher prüfen, ob sein Programm die Presets überhaupt liest – die neueren Formate setzen eine aktuelle Lightroom-Classic-Version voraus.
Entscheide nach Zeitbudget, nicht nach Trend
Am Ende bleibt für mich eine einfache Formel, keine komplizierte ROI-Tabelle: Wer noch nicht genau weiß, warum ein Regler ein Bild verändert, sollte zuerst in Struktur investieren – der Adobe Lightroom Classic Komplettkurs ist dafür nach wie vor mein Ausgangspunkt. Wer die Grundlagen dagegen schon sitzen hat und nur noch Tempo für seine Landschaftsserien braucht, ist mit dem Preset-Paket besser bedient, weil er dort schneller zu einem konsistenten Look kommt. Und wer ein konkretes Nischenprojekt vor sich hat, so wie ich mit dem Hausverkauf meines Schwiegervaters, sollte gezielt in den Immobilienfotografie Kurs investieren, statt zu hoffen, dass allgemeines Landschaftswissen automatisch mitübersetzt.
Meine Excel-Tabelle für dieses Jahr steht jedenfalls im Plus, und genau deshalb würde ich jedem Hobbyfotografen mit Systemkamera raten: Erst den Komplettkurs testen, dann gezielt Presets nachlegen – nicht umgekehrt.